Der Klimawandel – eine orthodoxe Sicht zum

 

Tag der Umwelt am 1. September

 

von Dimitrios Oikonomou

(Professor der Universität Oxford/ England)

 

Nachdem im Jahre 2005 in den Verhandlungen über das Kyoto- Protokoll auf der Konferenz der Signatarstaaten in Den Haag die Unvereinbarkeit der Positionen sichtbar geworden ist, ergibt sich für die Kirchen Europas die Aufgabe zu handeln, alle möglichen Ansatzpunkte wahrzunehmen und Schritte zur Reduktion der Emissionen in die Wege zu leiten. In enger Zusammenarbeit sollten christliche Kirchenleiter auf dem europäischen Kontinent – ja auf allen Kontinenten – Vorschläge ausarbeiten, wie engagierte Gemeindeglieder ihre Verantwortung zur Reduktion der Treibhausgase wahrnehmen und sich praktisch einsetzen können.

 

Was hat aber der Klimawandel mit Religion überhaupt zu tun? Die Antwort ist einfach: Wer Gott ehrt, weiß sich auch berufen, seine Schöpfung zu bewahren und wiederherzustellen. Meeresspiegel, Boden, Pflanzen, Tiere – alles Leben, nicht weniger als alles Leben, wird durch den Klimawandel in Mitleidenschaft gezogen. Als Christen, die auf dem reichen europäischen Kontinent leben, haben wir die Verpflichtung, uns um das Wohlergehen der gesamten Menschheit zu sorgen und unsere Aufmerksamkeit vor allem den verletzlichen Teilen zuzuwenden. Die Folgen des Klimawandels – die Verknappung der Wasser- und Nahrungsmittelreserven, zunehmende Hitzewellen, die Zunahme tropischer Krankheiten – treffen alle Teile der Menschheit, in besonderem Maße aber die Bevölkerung der Entwicklungsländer.

 

Die Heilige Schrift drängt alle Menschen guten Willens dazu, Gerechtigkeit zu üben gegenüber allen Teilen der Welt und gegenüber dem Ganzen der Schöpfung. Nun sind es aber genau die „christlichen“ Industrienationen, die vier Fünftel der Treibhausgase in die Atmosphäre entlassen haben. Die Mehrzahl derjenigen, die darunter zu leiden haben, leben in den Entwicklungsländern. Gewiss, Gott ist gnädig und barmherzig, er schenkt uns aber zugleich auch Gelegenheiten, seine Gnadengaben umzusetzen. Eine solche Gelegenheit ist für die Nationen der ersten Welt ohne Zweifel die Ratifizierung und Ausführung des Kyoto-Protokolls. Die Umwelt als Ort des Lebens rein zu erhalten, ist eine Verpflichtung der Liebe gegenüber unseren Mitmenschen, insbesondere denen, die von der drohenden Zerstörung direkt betroffen sind; und es geht zugleich darum, die ererbten Werte an die in Zukunft kommenden Generationen weiterzugeben.

 

Im Lichte der uns durch das Gebot der Liebe auferlegten Verantwortung wird die Erhaltung der Umwelt zu einer zentralen Aufgabe. Sie hat nichts mit heidnischer Naturverehrung zu tun, sondern ergibt sich aus der tiefen Achtung vor dem Schöpfer und der Liebe zum Nächsten.

 

 

Die Rolle der Kirche – Gottes Warnungen 

 

Was ist nun dabei die Rolle der Kirche? In erster Linie kann sie einen Beitrag leisten zu einem tieferen Verständnis der Rolle des Menschen in der Natur, sie kann zweitens eine intellektuelle Klärung der christlichen Anthropologie herbeiführen, sie kann drittens auf die enge und unauflösliche Verbindung zwischen Mensch und Natur hinweisen und schließlich ein prophetisches Zeugnis ablegen.

 

Und wie können die einzelnen Glieder dazu beitragen, dass eine gesunde Umwelt – in Übereinstimmung mit der kirchlichen Lehre – entsteht? Sie können dazu beitragen, indem sie den geistlichen Reichtum der Kirche im Blick auf die Erhaltung der Schöpfung zur Geltung zu bringen suchen. Sie können aber auch dadurch dazu beitragen, dass sie Kontexte schaffen, in denen dieser Reichtum Gestalt annehmen kann, etwa

 

- durch Erziehungsprogramme, die das ökologische Bewusstsein fördern;

 

- durch die Schaffung von Gelegenheiten zu gesellschaftlichem Handeln, die die Menschen in je ihrem Bereich wahrnehmen können;

 

- durch Seminare und Diskussionsgruppen auf der Gemeindeebene. Der Missbrauch der technologischen Mittel, der zu den heutigen Wetteranomalien führt, stellt das Überleben in Frage

 

Es geht um nicht weniger als eine Krise. Und wenn wir durch eine Zeit der Krise gehen oder uns dramatischer geschichtlicher Ereignisse erinnern, fragen wir uns oft: Wo ist Gott in all dem? Wir stehen heute vor den weitreichenden Konsequenzen, die die menschliche Aktivität über den Planeten Erde bringt. Oft steigt dabei die Frage auf, welchen Platz Gott in diesem Bilde einnimmt. Eine Antwort, die allerdings weder durch den Lauf der Geschichte noch durch die Aussagen der Schrift zu erhärten ist, geht davon aus, dass alle diese Veränderungen, die wir verursacht haben und verursachen, Teil von Gottes Plan sind.

 

Eine andere Antwort sieht die Zerstörung nicht als gottgewollt an, sondern geht davon aus, dass Gott im entscheidenden Augenblick eingreifen wird. Vater Alexander Men’, ein hervorragender Priester der Russischen Orthodoxen Kirche, der 1990 ermordet wurde, gab eine andere Antwort. In seiner Auseinandersetzung mit den Abgründen des Nationalsozialismus und des Stalinismus erklärt er: „Nein, Gott schaute nicht zu. Wo war er denn? Wo er zu allen Zeiten ist. Gott schaut nicht zu. Er warnt. Er sagt uns, mit welchen Folgen wir zu rechnen haben, wenn wir uns auf diese oder jene Weise verhalten“. Im Blick auf den Klimawandel lässt sich sagen, dass Gott uns in der Tat gewarnt hat. „An dem Tage, an dem ihr von der Frucht des Baumes esst, werdet ihr gewiss sterben’ (Genesis 2, 17). Mit andern Worten, wenn ihr die Schöpfung zur Befriedigung eurer eigenen Interessen missbraucht, auf eine Weise, die nicht meiner Ordnung entspricht und die Beziehung zu mir nicht fördert, sondern im Gegenteil stört, wird – sagt Gott – das Ergebnis der Tod sein. Und jetzt sehen wir die Konsequenzen dieses Ungehorsams nicht allein in unserer eigenen Sterblichkeit, sondern im Sterben der Erde und der Geschöpfe, die sie bevölkern.

 

Theozentrisch – Kosmozentrisch

 

Was heißt das nun? Wenn wir mit der Schöpfung systematisch auf eine Weise umgehen, die Gottes Willen nicht entspricht, was ist dann die richtige Weise, mit ihr umzugehen? Wir erhalten darüber in der Heiligen Schrift keine expliziten Gebote. Um die Frage beantworten zu können, müssen wir darum noch weitere Fragen stellen: In welchem Verhältnis steht Gott zum Ganzen der materiellen Schöpfung? Worin besteht im Rahmen der Schöpfung die Stellung des Menschen? Welche Rolle spielt der Mensch in der Beziehung der Welt zu Gott? Und umgekehrt: welche Rolle spielt die Welt in der Beziehung des Menschen zu Gott?

 

Der Mensch wurde als theozentrisches Wesen erschaffen; er wurde aber zu einem kosmozentrischen Wesen. Manche mögen darin die richtige Entwicklung sehen, genau das, was für den Menschen erforderlich ist. Warum sind dann aber die Kirchenväter anderer Meinung? Weil nach ihrem Verständnis die Welt – das Ganze der Schöpfung – nicht dazu bestimmt ist, ein in sich geschlossenes System zu bilden. Der Mensch ist nicht dazu bestimmt, das Zentrum der Schöpfung zu sein, sondern eher die Vermittlungsstelle zu erfüllen zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung – ein ‘natürliches Band’, wie Maximos der Bekenner sagt, „das sie zusammenhält“. Der Mensch ist mit der natürlichen Kraft ausgestattet, zusammenzuführen, was voneinander geschieden war. Um dieser Funktion der Verbindung willen dient der Mensch als Brennpunkt. Er kann als Zentrum verstanden werden, aber als Zentrum, das einem Ziele dient, das jenseits seiner selbst liegt. Der Mensch ist berufen, alles in seiner eigenen Natur zu sammeln, so dass Gott alles in allem sein wird. Es kann kaum genug betont werden, dass das christliche Verständnis des Menschen und der Welt ohne diesen Bezug zu Gott keinerlei Sinn ergibt und in keiner Weise angewendet werden kann. Kosmozentrizität führt letztlich nicht zu einem tieferen Respekt vor dem Geschaffenen, sondern macht aus der Schöpfung einen Götzen; und das ist, um den Heiligen Symeon den Neuen Theologen zu zitieren, die tiefste Verschmutzung der Schöpfung. Und wenn der Mensch sich selbst zum Zentrum der Schöpfung erklärt, ohne den Bezug zu Gott ernst zu nehmen, macht er aus sich selbst einen Götzen – der tiefste Ausdruck unseres Gefallenseins, wie der heilige Andreas von Kreta in seinem Großen Kanon bemerkt.

 

Zusammenwirken der Elemente

 

Die Wiederherstellung der Schöpfung zu ihrer eigentlichen Ordnung bedeutet auch die Wiederherstellung der menschlichen Autorität über die Elemente. Wir können mit den Elementen nicht in eine direkte Kommunikation treten, so wie wir es bis zu einem gewissen Grade mit den Tieren können. So ist es diese Autorität über die Elemente, die uns zeigt, dass es im Leben der Heiligen nicht um natürliche Qualitäten geht, die von anderen Geschöpfen wahrgenommen werden können, sondern um eine Beziehung zu Gott, durch die die gesamte Ordnung der Schöpfung wiederhergestellt wird.

 

Eine Geschichte des Wüstenheiligen Kopres kann hier als Illustration dienen. Sie zeigt etwas vom Fortdauern des Gartens Eden vor dem Sündenfall. Abba Kopres belehrte einige frisch getaufte Bauern in seiner Nachbarschaft, dass selbst der Sand der Wüste ihnen Früchte bringen werde, wenn sie sich Gott im Glauben anvertrauten. So brachten sie denn jedes Jahr eine Schaufel Wüstensand zu ihm und baten ihn um seinen Segen. Ihre blühenden Felder wurden zu einem Gegenstand des Neides der Ägypter. Bei der Zusammenarbeit mit den Elementen geht es aber nicht nur um Landwirtschaft. Und es gibt Illustrationen dafür nicht nur im Ägypten des vierten Jahrhunderts. Lassen Sie mich ein Beispiel aus einem andern Kontinent geben. Es betrifft Olga Michael, Frau eines Priesters in Alaska. Sie starb erst vor wenigen Jahren und steht im Rufe, zahlreiche Wunder bewirkt zu haben. Um die Geschichte zu verstehen, müssen wir uns die Härte der Winter in Alaska vor Augen halten. In der Nacht, in der Mutter Olga starb, blies ein starker und anhaltender Südwind und brachte den Schnee und das Eis in den Flüssen zum Schmelzen. Dies ermöglichte es den Nachbarn, mit Booten über den Fluss zu setzen, was in normalen Wintern völlig ausgeschlossen ist. Der Tag der Beerdigung war frühlingshaft. Der Trauerzug wurde sogar von einem Schwarm Vögeln begleitet, obwohl die Vögel zu dieser Jahreszeit normalerweise längst im Süden weilen. Die Vögel kreisten über dem Sarg und begleiteten ihn zur Grabesstätte. Wegen des ungewöhnlichen Tauwetters konnte der gefrorene Boden leicht aufgebrochen werden. In der folgenden Nacht gefror die Erde von neuem, Eis überzog den Fluss und der Winter kehrte zurück. Vater Michael Oleksa, der uns diese Begebenheit berichtet, sagt dazu: „Der Kosmos ist nach wie vor am Werk und nimmt Teil an dem Gottesdienst, den „wirkliche Menschen“ Gott darbringen“. Ich denke, dass dieser Ausdruck „wirkliche Menschen“ mit Absicht in einer doppelten Bedeutung gewählt wurde. Mutter Olgas Stamm sind die Yu’pik, d.h. wörtlich „Wirkliche Menschen“. Der Ausdruck verweist aber zugleich darauf, dass wir zu „Wirklichen Menschen“ werden, wenn wir zu der Gestalt des Menschensohnes heranwachsen.

 

 

 

Die zwischenmenschlichen und sozialen Konsequenzen, die mit der Eucharistie verbunden sind, gehören auch in diesen Zusammenhang. Sie führen zur „Entschmutzung“ der Erde, wie sie durch Christus vollbracht worden ist. Sie sind so etwas wie die Verlängerung dieser „Entschmutzung“ in die Realität der Gesellschaft. Die Liturgie zeigt uns auf alle Fälle dieses eine, dass nämlich Gerechtigkeit gegenüber unseren Mitmenschen und die Sorge für die materielle Welt zusammengehören und nicht voneinander getrennt werden können. Ich denke zum Beispiel an den Zusammenhang zwischen dem Fasten, dem Almosengeben und der Annullierung ungerechter Abmachungen, von der in der ersten Fastenwoche die Rede ist. Wir sollten auch nicht vergessen, dass am Fest der Theophanie, das den großen Segen über dem Wasser einschließt und so nachdrücklich die Heiligung der materiellen Welt zum Inhalt hat, ein prophetischer Aufruf zur Gerechtigkeit zur Verlesung kommt:

 

„Waschet, reiniget euch! Tut hinweg eure bösen Taten, mir aus den Augen! Höret auf, Böses zu tun! Lernet Gutes tun! Trachtet nach Recht! Weiset in die Schranken den Gewalttätigen ...“ (Jesaja 1, 16-20).

 

Entnommen aus den Materialien des Europäischen Christlichen Umweltnetzwerkes (European Christian Environmental Network) der Konferenz Europäischer Kirchen; erstmals veröffentlicht durch den St.Andreas-Boten in September 2005.